Samstag, 25. Februar 2017

DSFP 2017 - Meine Nominierungsvorschläge Kurzgeschichten



Ächz! So, die Kommentare zu "Im Licht von Orion" zu ePapier gebracht und gepostet. Jetzt mal ran an die Nominierungsvorschläge. Was hätten wir da zur Auswahl ?

Im Licht von Orion
Sven Svenson : Impetus
Matthias Falke : Flitterwochen

Exodus 34
Jacqueline Montemurri : humanoid experiment
Andreas Eschbach : Acapulco ! Acapulco !
Frank Haubold : Feenland

Exodus 35
Nicole Rensmann : Du bist das Beste!
Arno Behrend: Drachenreiter
Gabriele Behrend: Suicide Rooms
Uwe Post: Amen, Smartgod

Nicht das Einzige, was ich gelesen habe, aber die hier habe ich mir für den DSFP gemerkt. Ist schwierig, mal sehen.
Svenson und Falke auf jeden Fall, Haubold dito. Und die Behrend, die muß auch auf die Liste. Sind schon vier, eine noch. Eschbach? Post? Montemurri? Oder Behrend, A.? Alle gleich gut. Eschbach, die ist am besten erzählt. Also :

Sven Svenson : Impetus
Matthias Falke : Flitterwochen
Andreas Eschbach : Acapulco ! Acapulco !
Frank Haubold : Feenland
Gabriele Behrend: Suicide Rooms

Dann mal sehen, was meine Kollegen so präferieren...

Peggy Weber-Gehrke (Hrsg.) : Im Licht von Orion



Peggy Weber-Gehrke (Hrsg.) : Im Licht von Orion
Verlag für Moderne Phantastik 2016
Originalausgabe
Taschenbuch, 528 Seiten, 17,90 €
auch als eBook (3,99 €) erhältlich
Titelbild : Art Skript


"Im Licht von Orion" heisst die neue Anthologie der Webers. Wie schon die des letzten Jahrs (über die ich unbedingt noch etwas schreiben muss) wieder eine gelungene Mischung unterschiedlichster Kurzgeschichten und Novellen. Hier hat sich ein Verlag etabliert, der die Lücke der Wurdack-Anthologien zu füllen beginnt. Aber fangen wir von vorne an und gehen die einzelnen Stories einmal nacheinander durch.

Ouvertüre
Erzählt wird die Geschichte des Generationenraumschiffs, dessen Besatzung den Orion kolonisieren soll.
Man merkt, daß der vorliegende Band ursprünglich eine Themen-Anthologie werden sollte. Die Autor-lose Vorgeschichte deutet es mehr als deutlich an. Schade, daß dafür offenbar nicht genug Geschichten eingingen, die Vorarbeit jedenfalls ist hier gemacht worden.

Sven Svenson : Impetus
Nach Jahrtausenden wird eine Expedition zur Erde entsandt. Rend will unbedingt dabei sein...
Ge-ni-al! Selten so eine gelungen komponierte Geschichte gelesen. Von der Einführung über den Mittelteil – die eigentliche Expedition – bis hin zum Ende, in dem Rends eigentlicher Grund, unbedingt zur Erde zu wollen, offenbar wird, erzählt Sven Svenson flüssig und spannend. Mir war irgendwie zu keinem Zeitpunkt klar, worauf der Autor hinauswollte, daher hat mich das Ende auch kalt erwischt. Eiskalt, so eiskalt, daß ich diese Story für den DSFP nominieren werde.

Gerd Frey : Grauzeit
Die Farbe verschwindet aus der Welt. Ist eine Invasion aus dem All im Gange ?
Gut geschrieben, aber im Endeffekt belanglos.

Peggy Weber-Gehrke : Wir werden alle Helden sein
Also ich glaube ja, daß die Geschichte objektiv schlecht ist. Kann das aber nicht wirklich beurteilen, denn diese absurde Mischung aus Monty Python und "Dark Star" gefiel mir persönlich ausnehmend gut. Aber mein persönlicher Humor war schon immer etwas seltsam...

F.Anderson : Antibiose
Manchmal ist die Invasion böser Aliens genau das : Eine Invasion ganz böser Aliens.
Eine Standard-Story, die ich in dieser Form lange nicht mehr gelesen habe. Auch sehr gut, spannend und flüssig erzählt. Den Autor muß man sich merken.

Jacqueline Montemurri : Die Faszination der Einsamkeit
Jackie beschreibt eine Expedition zum Ganymed, wie sie bereits heute ablaufen könnte. Sehr einfühlsam, sehr emotional – und sehr naturwissenschaftlich. Die Geschichte hat bereits 2013 den 3. Platz im Wettbewerb des Vereins zur Förderung der Raumfahrt gemacht. Ich fand die Story sehr schön erzählt, angenehm unpretentiös.

Rico Gehrke : Die Verführung der Mona Lisa
Der unbenannte Ich-Erzähler trifft eine Frau, von der er fast ganz sicher ist, sie schon mal gesehen zu haben...
Eine relativ belanglose Geschichte über ETs, die in Form von schönen Frauen schon seit Jahrtausenden unter uns leben. Belanglos zwar, aber gut geschrieben. Rico Gehrke schreibt seit 2013 wieder Kurzgeschichten, meiner Wahrnehmung nach steigert er sich von Jahr zu Jahr. Wird noch interessant...

Cliff Allister : Wer hat's erfunden?
Eine wirklich amüsante Zeitreise-Geschichte im klassischen Stil. Von dem Kaliber habe ich lange nichts mehr gelesen, war ein angenehmes Intermezzo, insbesondere als sich der Autor als profunder Kenner der Klassik outet.

Matthias Falke : Flitterwochen
Flitterwochen – Andere Planeten, andere Sitten. Falke spielt genial auf der Klaviatur bigotter Vorurteile, die Story ist eine einzige Tour de force durch die Sitten vergangener Jahrhunderte. Ich habe mich jedenfalls köstlich amüsiert, die Auflösung ist derart gut gelungen, daß ich auch diese Geschichte für den DSFP vorschlagen werde.

Regine Bott : Harmonice mundi
Auch dies ein Standard-Topic – und auch diese Geschichte ist brilliant erzählt. Regine Bott wendet sich, wie schon unzählige Schriftsteller vorher, gegen blinde Befehlsempfänger und deren unmenschliche Handlungen. Dabei gibt sie dem Grauen ein Gesicht, das Gesicht einer kleinen Familie – und Mr. Toad. Auch diese Autorin sollte man sich merken.

Galax Archeronian : NNT 275
Manchmal sind Tiere nicht das was sie scheinen…
Nette Öko-Story mit bekanntem Plot. Gut erzählt, lesenswert.

Oliver Koch : Fehler im System
Eine Fehlfunktion im Raumschiff tötet die Besatzung.
Gut erzählt, aber zu technikgläubig. Der Autor hat von der realen Technik keine Ahnung, die Angst davor schimmert in der Geschichte durch. Das mindert den Genuß doch stark.

B. C. Bolt : Der Gebühreneinzugsbevollmächtigte
Eine sehr ironische Anti-Steuern-Story, die den Sinn und Unsinn von Steuern präzise auf den Punkt bringt.

Rico Gehrke : Bestrafung
Ein sehr realer Blick auf mögliche Gefängnisplaneten der Zukunft. Sehr flüssig und spannend erzählt mit einem bitterbösem Ende. Unbedingt lesenswert.

Michael Stappert : Reha 2.0
Über alternative Rehabilitationsmaßnahmen von Sträflingen – und konventionelle Abzocker des Systems. Auch diese Story hat ein schon zynisch zu nennendes Ende und ist aus einem Guß. Hat Spaß gemacht, sie zu lesen.

Gerd Frey : Anomalie
Über die Erkundung fremder Planeten.
Gerd Frey gelingt es, die Spannung der Geschichte nur durch den Sense of Wonder, die Exotik fremder Planeten aufrecht zu erhalten. Schön gemacht.

Adriana Wipperling : Hinter dem Schleier
Liga und Imperium bekämpfen sich, die Erde und Menschen werden dabei aufgerieben. Doch es regt sich Widerstand…
Plätschert so vor sich hin.

F. Anderson : Das Symbol
Eine an die Earl-Dumarest-Geschichten erinnernde Story über die Suche nach einer Waffe gegen Unterdrücker. Sehr actionreich, sehr flüssig erzählt, bleibt aber auf Pulp-Niveau.

Frank Lauenroth / Lara Möller : Deleted Scenes
Nach dem Weltuntergang ist ein Computer in einer Raumstation das letzte lebende Wesen. Nach der Begutachtung der letzten Gedanken der letzten Menschen wird diesem Computer klar, was seine Bestimmung ist…
Zu düster, zu pessimistisch – und zu unlogisch. Die logische Reaktion der KI ist nicht der Selbstmord, sondern die Wiederherstellung der Menschheit. Ich fand die Geschichte zwar gut erzählt, das Ende ist mir aber zu simpel, zu wenig durchdacht. Das allerdings tut der lyrischen Stimmung, die die Geschichte verbreitet, keinen Abbruch.

Jacqueline Montemurri : Schrottsammler
Aufräumen im Weltall. Die Geschichte hat bereits 2015 den 2. Platz im Wettbewerb des Vereins zur Förderung der Raumfahrt gemacht. Sehr schön und unprätentiös erzählt.

Michael Thiele : Spätes Erwachen
Amazonen auf dem Mars – oder so. Wie alle Geschichten dieser Anthologie gut erzählt, inhaltlich aber belanglos.

Christopher Dröge : Zilie
Keine Kurzgeschichte, sondern ein Romananfang.

Rico Gehrke : Kontaktversuche
Menschen suchen den Kontakt mit Aliens – doch der kann tödlich sein…
Sehr schön erzählt, aber so überhaupt nicht mein Geschmack.

Insgesamt ein sehr empfehlenswerte Anthologie, fast keine Ausfälle, meisten deutlich über dem Durchschnitt mit Spitzen nach oben.




Freitag, 24. Februar 2017

DSFP 2017 - Meine Nominierungsvorschläge Romane



Es ist wieder soweit, die Nominierungsvorschläge für den DSFP müssen abgegeben werden. Wie jedes Jahr mache ich meine öffentlich, um auch die Qual der Wahl zu verdeutlichen. Was habe ich denn auf meiner Liste? Zunächst einmal ganz klar Teufelsgold von Andreas Eschbach, mein persönlicher Favorit. Gleich danach Omni von Andreas Brandhorst, eine klassische SF-Geschichte. Vektor von Jo Koren sollte man zumindestens im Hinterkopf haben. Die Spitze des Speers von Stefan Burban ist ebenfalls einer der besten Romane des letzten Jahres. Ein neuer Himmel für Kana von Karla Schmidt ist auch bemerkenswert, ebenso wie Dirk van den Booms 1713. Und die Ära der Helden von Martin Kay hat mir ebenfalls ausnehmend gut gefallen. Da ist die Auswahl schwer, aber ich soll ja auch maximal 5 Romane zur Nominierung vorschlagen.

Aber genau besehen ist die Auswahl gar nicht so kompliziert :

- Andreas Eschbach : Teufelsgold
- Andreas Brandhorst : Omni
- Stefan Burban : Die Spitze des Speers
- Martin Kay : Ära der Helden
- Karla Schmidt : Ein neuer Himmel für Kana

Kana hat mir besser als 1713 gefallen und 1713 besser als Vektor. Damit steht meine Romanauswahl. *schweissabwisch* Das ist aber nur die Spitze des Eisbergs, diverse brilliante, sehr gute, gute und spannende deutsche Romane des letzten Jahres habe ich hier gar nicht berücksichtigen können. Und soweit ich das sehe, wird das nächstes Jahr noch schlimmer, es ist erst Februar und ich habe bereits zwei Aspiranten für den nächsten DSFP gelesen...

So, und jetzt bin ich mal gespannt, was meine Jury-Kollegen gewählt haben. Die abgestimmten Nominierungen werden voraussichtlich am Wochenende veröffentlicht.

Holger M. Pohl : Im Schatten der Hondh



Holger M. Pohl : Im Schatten der Hondh
D9E 12
Wurdack 2016
Originalausgabe
Paperback, 257 Seiten, 12,95 €
Titelbild : Ernst Wurdack


Die Herrschaft der Hondh ist nicht so absolut, wie es den Anschein hat und im Schatten regt sich Widerstand. Doch es fehlt an einer gemeinsamen Linie.

Shelwin Klime und seine Begleiter erreichen eine Welt, auf der es zu ersten Kontakten kommt – möglicherweise fruchtbare Kontakte – wenn Ängste und Misstrauen auf beiden Seiten überwunden werden können. Und sie gelangen zu Erkenntnissen, die in den richtigen Händen eine Wende im Krieg gegen die Hondh herbeizuführen vermögen.

Doch zunächst einmal müssen sie sich selbst retten, ehe sie daran gehen können, die freien Welten zu retten.
Klappentext

Der Infiltrationstrupp erreicht die Hondh-Welt. Leider nicht so unbemerkt, wie sie gehofft hatten, die Gruppe wird getrennt und versucht auf verschiedenen Wegen, ihr Ziel doch noch zu erreichen. Hier wäre dann gleich mein erster Kritikpunkt, die verschiedenen Aktionen der einzelnen Gruppen sind im Roman nicht zeitgleich dargestellt, hier hätten scharfe Schnitte der Geschichte deutlich gut getan. Mein zweiter (und letzter) Kritikpunkt betrifft den fehlenden "Was bisher geschah"-Prolog. Wenn die Romane im Jahresabstand erscheinen wäre es schon sinnvoll, den Leser bei der Hand zu nehmen und ihm die vorherigen Bände zusammengefasst kurz in Erinnerung zu rufen. Wäre hilfreich gewesen. *nörgel*

Die Ereignisse selbst sind faszinierend, Holger M. Pohl zeigt das Hondh-Imperium als deutlich differenzierter, als man es bisher kannte. Er schält sozusagen die Hondh-Apfelsine und legt das Innere frei. Gut, nicht so ganz, aber man bekommt schon deutlich stärkere Einblicke in die Struktur der Hondh-Gesellschaft und vage Ideen zu den Beweggründen der Hondh für die Expansionen. Das macht Lust auf mehr, ich bin schon mal gespannt auf den nächsten Roman.

Dies gilt um so mehr, als die Geschichte launig geschrieben ist und sich dynamisch vor dem Leser ausbreitet. Die Gefahren für die Infiltratoren und das Leben der Menschen auf einer Hondh-Welt wird schön und detailreich dargestellt, man bekommt ein Gefühl für die menschliche Zivilisiation innerhalb des Hondh-Imperiums. Dabei bleibt die Geschichte dynamisch, HMP vergisst an keiner Stelle das "show, don't tell" und nimmt den Leser in ein spannendes Abenteuer mit. Und selbst wenn man weiss, wie der Roman zwangsläufig ausgehen muß, legt man ihn doch nach der letzten Zeile befriedigt zur Seite - und fiebert nach dem nächsten...

D9E – Die neunte Expansion
01 - Dirk van den Boom : Eine Reise alter Helden (2013)
02 - Niklas Peinecke : Das Haus der blauen Aschen (2014)
03 - Matthias Falke : Kristall in fernem Himmel (2014)
04 - Nadine Boos : Der Schwarm der Trilobiten (2014)
05 - Dirk van den Boom : Ein Leben für Leeluu (2014)
06 - Niklas Peinecke : Die Seelen der blauen Aschen (2015)
07 - Matthias Falke : Agenten der Hondh (2015)
08 - Holger M. Pohl : Fünf für die Freiheit (2015)
09 - Dirk van den Boom : Der sensationelle Gonwik (2015)
10 - Niklas Peinecke : Die Sonnen der Seelen (2016)
11 - Karla Schmidt : Ein neuer Himmel für Kana (2016)
12 - Holger M. Pohl : Im Schatten der Hondh (2016)
13 - Dirk van den Boom : 1713 (2016)
14 - Matthias Falke : Hinter feindlichen Linien (2017)
15 - Dirk van den Boom : Das Spinledeck-Gambit (2017)
16 - Holger M. Pohl : Mengerbeben (2017)
17 - Nadine Boos : Tanz um den Vulkan (2017)
18 - Holger M. Pohl : Jene, die sich nicht beherrschen lassen (2018)

Donnerstag, 23. Februar 2017

Niklas Peinecke : Die Sonne der Seelen



Niklas Peinecke : Die Sonne der Seelen
D9E 10
Wurdack 2016
Originalausgabe
Paperback, 248 Seiten, 12,95 €
auch als eBook erhältlich
Titelbild : Ernst Wurdack


Michal Alkenbahn kehrt nach Monaten von einer Expedition in heimische Athena zurück, im Gepäck eine sensationelle Entdeckung: Eine fremdartige Zivilisation errichtet metallene Kugelschalen um ganze Sternsysteme! Doch daheim interessiert sich niemand so recht für seinen Fund, denn die Hondh haben längst mit der Invasion benachbarter Planeten begonnen und es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch Athena fällt. Aber auch die Allianz gegen die Hondh setzt ihre Machtmittel gnadenlos ein und das erste Opfer eines Krieges ist oft die eigene Menschlichkeit. Und plötzlich stehen Michal und Farne im Kampf gegen mehr als nur einen übermächtigen Gegner.
Klappentext

Ein sehr befriedigender Abschluß des Aschen-Zyklus. Gekonnt führt Niklas Peinecke die verschiedenen Handlungsstränge zusammen und lässt im Endeffekt das D9E-Universum noch phantastischer aussehen, als es bisher schon war.

Besonders gefallen hat mir die Diskussion über "Der Zweck heiligt die Mittel", die in diesem Roman auf mehreren Ebenen geführt wird. Der Autor macht deutlich, daß dieses Sprichwort aus archaischen Zeiten stammt und in der Moderne nichts mehr zu suchen hat. Ich will hier nicht zuviel spoilern, aber die Darstellung von Athena im Gegensatz zu den Handlungen der Aschen empfand ich als ganz großes Kino.

Und was ich sehr angenehm fand, war das vorangestellte "Was bisher geschah". Es ist nämlich schon ein bißchen her, daß ich die Vorgänger-Romane gelesen habe, da kam diese Auffrischung meines Gedächtnisses sehr gut an.

Insgesamt ein empfehlenswerter Roman, ein schönes Ende einer Trilogie. Und insbesondere auch ein Ende-Ende, ein Abschluß, kein Cliffhanger, der nach Fortsetzungen bettelt. Das war für mich als Leser nach der letzten Seite besonders befriedigend und von daher kann ich jedem nur empfehlen, die Aschen-Romane zu lesen.

D9E – Die neunte Expansion
01 - Dirk van den Boom : Eine Reise alter Helden (2013)
02 - Niklas Peinecke : Das Haus der blauen Aschen (2014)
03 - Matthias Falke : Kristall in fernem Himmel (2014)
04 - Nadine Boos : Der Schwarm der Trilobiten (2014)
05 - Dirk van den Boom : Ein Leben für Leeluu (2014)
06 - Niklas Peinecke : Die Seelen der blauen Aschen (2015)
07 - Matthias Falke : Agenten der Hondh (2015)
08 - Holger M. Pohl : Fünf für die Freiheit (2015)
09 - Dirk van den Boom : Der sensationelle Gonwik (2015)
10 - Niklas Peinecke : Die Sonnen der Seelen (2016)
11 - Karla Schmidt : Ein neuer Himmel für Kana (2016)
12 - Holger M. Pohl : Im Schatten der Hondh (2016)
13 - Dirk van den Boom : 1713 (2016)
14 - Matthias Falke : Hinter feindlichen Linien (2017)
15 - Dirk van den Boom : Das Spinledeck-Gambit (2017)
16 - Holger M. Pohl : Mengerbeben (2017)
17 - Nadine Boos : Tanz um den Vulkan (2017)
18 - Holger M. Pohl : Jene, die sich nicht beherrschen lassen (2018)

Mittwoch, 22. Februar 2017

Dirk van den Boom : Zeit des Erwachens



Dirk van den Boom : Zeit des Erwachens
Die Beschützer 02
Atlantis 2016
Originalausgabe
Hardcover, ca. 240 Seiten, 14,90 €
auch als Paperback und eBook erhältlich
Titelbild: Allan J. Stark


Eine massive Explosion zerstört einen unterirdischen Komplex in der Nähe von Stuttgart – doch gibt es wirklich keine Überlebenden?

Ein genialer Ingenieur erwacht aus einem langen Schlaf – und er muss sich einen neuen Lebenszweck suchen.

Ein gewiefter Börsenprofi nimmt die falschen Pillen – oder sind es doch die richtigen, um seiner Existenz eine neue Richtung zu geben?

Drei Schicksale, eng verknüpft mit denen von Dr. Hand, Sin Claire und den anderen Beschützern, vor allem als eine jahrelang unerkannt operierende Geheimorganisation sich gezwungen sieht, an die Öffentlichkeit zu treten. Es ist wahrhaftig für viele eine Zeit des Erwachens.
Klappentext

Nach dem Auftaktband von Martin Kay der zweite Band der neuen Superheldenserie vom Atlantis-Verlag. Deutlich pulpiger und actionbetonter, Dirk van den Boom gibt sich nicht mit Zwischentönen ab. Auch die Charaktere sind wesentlich weniger ausgefeilt als bei Martin Kay, stärker am Klischee orientiert und eher dazu gedacht, daß der Leser die Lücken mit seinen eigenen Ideen füllt.

Bemerkenswert ist allerdings das völlige Unverständnis des heutigen deutschen Staates in diesem Roman. Frauen sind im Roman eher Nebensache, Politik und Gesellschaft werden wie in den 50ern und 60ern von Männern dominiert. Die Klüngelei und die Personen des politischen Berlins (natürlich alles Männer) sind eher unfreiwillig komisch als daß sie auch nur einen Hauch der Realität abbilden - ok, bis auf einen, den Dirk offenbar genauso mag wie ich. :-) Trotzdem, es fehlen die Frauen, manchmal kompetent, oftmals eben dies nicht, die heutzutage in der Realität Politik und Gesellschaft in Deutschland dominieren. Das stört beim Lesen.

Ansonsten ein netter Pulp-Roman, der die Geschichte der deutschen Superhelden weitertreibt. Ich bin schon mal auf den nächsten Band der Reihe gespannt.

Dienstag, 21. Februar 2017

phantastisch! #65



phantastisch! #65
Herausgeber : Klaus Bollhöfer
Atlantis 2016
Magazin, 80 Seiten, 5,30 €
Titelbild : Jan Hoffmann

Inhalt


Interviews
Carsten Kuhr: KAI MEYER: »Es ging mir um die Tradition, nicht um eine Verbeugung. Und schon gar nicht um Ironie.«
Olaf Brill: REINHILD VON MICHALEWSKY: »Er hatte so viele Ideen. Er war ein sehr fleißiger Arbeitert.«
Christian Endres: KIM HARRISON: »Ich schreibe gerne über makelbehaftete Menschen.«
Christian Endres: PETER CLINES: »Unwissen kann einem Angst machen.«

Bücher, Autoren & mehr
OLAF BRILL: Weltraumpartisan aus Berlin – Teil 2
DOMINIK IRTENKAUF: Lovecraft und Roerich: Grafische Dimensionen
CHRISTIAN ENDRES: Mehr als Papiertiger
CHRISTIAN ENDRES: Transtemporales Kontinuitäts-Puzzle
ACHIM SCHNURRER: Klassiker der phantastischen Literatur – Albert Vigoleis Thelen – Teil 2
HORST ILLMER: Literaturwissenschaft – en gros und en détail
ACHIM SCHNURRER: Ein phantastisches Buch!
HELMUT EHLS & RENÉ MOREAU: Die Story-Maschine
JAN NIKLAS MEIER: »All Flesh must be eaten«

Phantastische Nachrichten zusammengestellt von Horst Illmer

Rezensionen
Kai Meyer »Die Krone der Sterne«
Steinar Bragi »Hochland«
Jack London »Mord auf Bestellung«
Arno Behrend »Schuldig in 16 Fällen«
Montague Rhodes James »Sämtliche Geistergeschichten«
Terry Pratchett »Dem Tod die Hand reichen«
William Meikle »Das Amulett«
Nicolas Wouters & Mikael Ross »Totem«
Uwe Post »Petware und andere Storys«
Stephen King »Mind Control«

Comic & Film
OLAF BRILL & MICHAEL VOGT: Ein seltsamer Tag – Teil 25
JÖRG PETERSEN: Jenseits von Disney

Story: JEFFREY THOMAS: »Die Geister von Punktown«


Die neue phantastisch! ist da. Wieder mit geilen Artikeln aus der Welt der Phantastik. Bei Illmers update bin ich diesmal weniger fündig geworden, dafür war der Mark Brandis-Teil wieder faszinierend. Olaf Brill und Michael Vogt interviewten Reinhild von Michalewsky, die viel über Nikolai, den Mark Brandis-Autor, erzählt. Ein lohnenswertes Interview, das ich jedem Fan der Serie warm ans Herz lege. Ebenso das Interview von Christian Endres mit Kim Harrison, allerdings aus anderen Gründen. Denn ihre Drafter-Serie ist einfach schlecht, genau und nur daran liegt es, daß sie sich nicht verkauft. Das hat die Autorin aber noch nicht begriffen, was für die nächste Zeit nichts Gutes erwarten lässt.

Mehr als ein Papiertiger soll Ken Liu sein, wenn man Christian Endres' Artikel glauben kann. Für mich ein höchst interessanter Beitrag, gerne mehr, gerne Ähnliches. Aber deutlicher und stärker Stellung beziehender als die auf der nächsten Seite folgende Rezension von William Gibsons "Peripherie".

Über Achim Schnurrer und seine Artikel habe ich mich schon oft genug ausgelassen, man kann sie einfach nur weiterempfehlen. Und es ist auch an der Zeit, sie als echtes Buch mit Ledereinband herauszugeben.

Carsten Kuhr über die Montague Rhodes James-Ausgabe bei Festa – mit einem Rückblick auf frühere Ausgaben in der "Bibliothek des Hauses Usher". Sehr schön, weniger für mich als mehr als Geburtstagsgeschenkmöglichkeit für meine Frau. Danke, Carsten. :-)

Und dann kommt Horst Illmer nochmal, mit Sekundärliteraturempfehlungen. Lohnt sich, wenngleich ich nicht vollkommen mit ihm übereinstimme. Ähnliches gilt für Jörg Petersen und seinen Artikel über Ralph Bakshi. Aber es wäre ja auch langweilig, wenn all das Gleiche denken würden.

Nicht jeder Artikel hat mir gefallen, einige waren für mich belanglos, über andere habe ich hinweggeblättert. Das ist aber – wie bei jeder phantastisch!-Ausgabe – vollkommen subjektiv. Ich kann jedem nur viel Spaß bei dieser Ausgabe wünschen, ich hatte ihn jedenfalls.

Kommentare zu früheren Ausgaben
phantastisch! 64
phantastisch! 63
phantastisch! 62
phantastisch! 61
phantastisch! 60
phantastisch! 58
phantastisch! 56
phantastisch! 55
phantastisch! 53
phantastisch! 50
phantastisch! 49
phantastisch! 47
phantastisch! 45/I
phantastisch! 45/II

Montag, 20. Februar 2017

Exodus 35



Heinz Wipperfürth / Olaf Kemmler / René Moreau (Hrsg.) : Exodus 35

Exodus-Verlag 2016
Hochglanz-Magazin, 108 Seiten, 12,90 € (inkl. Versand)
ISSN 1860-675X

Inhalt

Stories
Arno Behrend: »Drachenreiter«
Gabriele Behrend: »Suicide Rooms«
R. B. Bonteque: »New Mars Mayflower«
Frank Neugebauer: »Das grüne und das rosa Medaillon«
Sven Holly Nullmeyer: »Mein geliebtes Kometenschweifchen«
Uwe Post: »Amen, Smartgod«
Nicole Rensmann: »Du bist das Beste!«
Fabian Tomaschek: »Spectaculum Veritatis Homini«

Lyrik
Victor Boden: »abgespeichert«

Leitartikel zur Galerie
Ralf Bodemann: »Grenzen überschreiten«
Galerie : Stas Rosin

Comics & Karikaturen


Exodus – immer wieder ein Genuß. Diesmal sogar mit einem Portfolio von Stas Rosin, dessen erste Anläufe ich im SF-Netzwerk mit erlebt habe. Aber der Reihe nach, beginnen wir mit den Kurzgeschichten.

Das heisst, das mit der Reihenfolge nehme ich diesmal nicht allzu wörtlich, stattdessen versuche ich die Stories mal so halbwegs strukturiert anzugehen.

Sven Holly Nullmeyer : Mein geliebtes Kometenschweifchen
Sven Holly Nullmeyer : Liebes Sternengefunkel

In der Urururalt-Form eines Briefromans versucht der Autor sich an komischen Geschichten. Ich kann dieser Absurdität leider so überhaupt nix abgewinnen, das habe ich vor Dezennien schon mal gelesen und für mich abgehakt.

Nicole Rensmann : Du bist das Beste!
Die Autorin versucht sich an einer Warnung vor einer übermäßigen und inhumanen Ausnutzung der Wissenschaft. Ein Thema, das abgelutscht und überholt ist. Und das ich schon hunderte Male gelesen habe. Nicole Rensmann gelingt es trotzdem, aus diesem klassischen Thema noch eine berührende, moderne und einfühlsame Geschichte zu erzählen, die ich beim zweiten Mal noch besser als bei der Erstlesung empfand. Die Story ist auf jeden Fall auf meiner erweiterten DSFP-Nominierungsliste, wenngleich ich dieses Jahr im Story-Bereich harte Konkurrenz sehe.

Fabian Tomaschek : Spectaculum Veritatis Homini
Erstens antisemitisch, zweitens platt und drittens voll am Mainstream ausgerichtet : So kriegt man vielleicht Beifall von der "richtigen Seite", aber nichts sonst.

Arno Behrend: Drachenreiter
Boah, eyh! So muß man schreiben, so muß man sich dem Thema nähern. Dumpfbackige Denkverweigerer kriegen hier in dieser Geschichte von Arno Behrend ihr Fett weg, daß es die reine Lust ist. Dabei zeigt er klar und deutlich auf, daß eben diese Denkverweigerung keine Mode ist, sondern über die Jahrtausende hinweg immer wieder auftaucht. Interessant fand ich hier seinen Standpunkt, daß bereits die Aktion eines Einzelnen ausreicht, um eine Änderung herbeizuführen. Diesen Standpunkt habe ich seit John Wayne und Clint Eastwood nicht mehr vertreten gesehen. Ich wiederhole mich : Die Story ist auf jeden Fall auf meiner erweiterten DSFP-Nominierungsliste, wenngleich ich dieses Jahr im Story-Bereich harte Konkurrenz sehe.

Gabriele Behrend: Suicide Rooms
Und da ist sie schon, die Konkurrenz, sozusagen von Arno hausgemacht. Gabriele Behrend legt hier eine bitterböse Story vor, die im Golden Age hätte veröffentlicht werden können. Wunderschön, wie die Autorin einerseits eine echt emanzipierte Frau beschreibt und andererseits durchaus Mitleid mit Männern hat, die durch ihr Leben irgendwie ausgebrannt sind. Kein Mitleid hat sie allerdings mit SchlappschwänzInnen, die nur vor sich hinjammern. Und das stellt Gabi Behrend in äußerst gelungener Form bitterböse dar. Herrlich!

Uwe Post: Amen, Smartgod
Aber Konkurrenz kommt ja nicht nur aus der eigenen Familie, auch der Post legt hier wieder einmal gigantisch los. Gibsons Cyberpunk-Visionen aktualisiert – da macht der Uwe natürlich ein Handy mit 'nem Heiligenschein draus. Sehr atheistisch und überhaupt nicht meine Meinung – aber herrlich genial geschrieben und lustvoll zu lesen.

R. B. Bonteque: New Mars Mayflower
Zwar keine Konkurrenz zu den großen Geschichten, aber sehr gut geschrieben mit einem angenehm modernem Thema, der realistischen Darstellung einer Besiedelung eines neuen Planeten. Habe ich mit Genuß gelesen und ich bin mal gespannt, was noch von dem Autor kommt.

Frank Neugebauer: Das grüne und das rosa Medaillon
Eine postapokalyptische Geschichte. Ich fand sie etwas seltsam und sie war überhaupt nicht mein Geschmack, aber es ist deutlich zu sehen, daß dies meine ureigensten persönlichen Präferenzen sind. Denn die Story ist intelligent, gut geschrieben und stilistisch ausgefeilt. Aber eben nicht mein Ding.

Der graphische Teil, seien es die Story-Illustrationen als auch das Galerie-Portfolio kommentiere ich nicht, dazu bin ich einfach nicht kompetent genug. Eben auf dem Johnny Bruck-Niveau hängengeblieben, für die feineren Nuancen ...unempfänglich. Aber zumindestens für Stan Rosins Bilder in der Galerie hat Ralf Bodemann mir das abgenommen. In seiner Darstellung "Grenzen überschreiten" interpretiert er die Bilder des Künstlers in einer gelungenen Art und Weise, auch (oder gerade?) für Laien wie mich. Ich habe seine Einführung jedenfalls genossen, sie hat mir wirklich sehr viel gebracht.

Insgesamt also wieder eine wunderschöne Ausgabe, bei deutscher SF kommt man um EXODUS nicht herum. Allerdings ist die Konkurrenz ziemlich hart, im Licht von Orion wächst da eine neue Linie heran...

Sonntag, 19. Februar 2017

Oliver Henkel : Kaisertag



Oliver Henkel : Kaisertag
Atlantis 2014
Neuausgabe
Originalausgabe BoD 2002
Hardcover mit Lesebändchen, ca. 366 Seiten, 16,90 €
Titelbild : Timo Kümmel
auch als Paperback und eBook erhältlich


Es ist das Jahr 1988. In Deutschland herrscht Kaiser Wilhelm V., und die Soldaten tragen Pickelhauben. Wer es sich leisten kann, reist mit dem Zeppelin in die Kolonien, während es für alle Übrigen die Platzkonzerte der Militärkapellen gibt. Das ist die Welt des Hamburger Privatdetektivs Friedrich Prieß.

Als ihm Franziska Diebnitz einen Auftrag anbietet, zögert er zunächst. Alles deutet darauf hin, dass ihr Mann sich das Leben genommen hat, aber sie ist davon überzeugt, dass er ermordet wurde. Prieß soll die Wahrheit herausfinden – doch Detektive meiden Leichen, besonders wenn der Verstorbene ein Offizier des allmächtigen Militärgeheimdienstes war.

Schließlich überwindet Prieß seine Bedenken und fährt nach Lübeck, um Nachforschungen anzustellen. Gemeinsam mit seiner früheren Verlobten Alexandra Dühring, jetzt Polizeipräsidentin der Hansestadt, findet er heraus, dass Oberst Diebnitz tatsächlich Opfer eines Mordes wurde. Und diese Entdeckung bringt sie auf die Spur von etwas, wogegen sich ein Mord beinahe harmlos ausnimmt …
Klappentext

"Das Besondere, das viele Romane der Alternate History aus dem phantastischem Durchschnitt hervorhebt, fehlt mir hier bei der "Zeitmaschine Karls des Großen". Von daher durchaus empfehlenswert (meiner Schwiegermutter, die auf Geschichtsschmöker steht, werde ich den noch mal unterjubeln), aber meiner Meinung nach kein unbedingtes Muß. Das bleibt einem anderem Roman von Oliver Henkel vorbehalten..."

...nämlich diesem hier.

Der Jonbar-Punkt von "Kaisertag" ist die mißlungene Ermordung des Erzherzogs Franz-Ferdinand in Sarajewo. Die beiden Weltkriege finden nicht statt, Deutschland ist auch im Jahre 1988 ein Kaiserreich, bestehend aus mehreren unabhängigen Gebieten, "Bundesländer" möchte ich diese eifersüchtig auf ihren individuellen Macken beharrenden Regionen nicht nennen.

Und in diesem Deutschland ist das Militär weiterhin ein starres Gebilde seltsamer Ehrbegriffe, wie sie vor dem Großen Krieg (wie man den Ersten Weltkrieg damals bezeichnete) gang und gäbe waren. Oliver Henkel trifft sehr präzise den Ton der Absurdität, der einem von der Moderne in die Vergangenheit blickendem Menschen unbedingt auffällt. Viel weniger plakativ (jedoch nicht weniger vehement) stellt der Autor die positiven Aspekte eines gemäßigten, Modernisierungen aufgeschlossenen Ehrbegriffs dar, den er in diesem unserem Deutschland offenbar schon vor 15 Jahren vermisste.

In diesem Pickelhauben-plus-Atombomben-Ambiente lässt Oliver Henkel Friedrich Prieß agieren, einen ganz bewusst an Sam Spade angelehnten Bogart-Verschnitt. Anhand aber gerade der Unterschiede des deutschen Privatdetektivs zum amerikanischen Private Eye schildert Oliver Henkel in gelungener Art und Weise die im Vergleich zur Realität primitive Gesellschaft des Kaisertagschen Norddeutschlands. Die beiden Weltkriege und die (damals tatsächlich) revolutionäre Studentenbewegung haben – so sah es zumindestens 2002 aus – ein wesentlich moderneres, freieres Deutschland geschaffen als es in "Kaisertag" beschrieben wird.

Wenngleich der Autor mehrmals die im Kaiserreich indiskutable Stellung der Frau aufs Korn nimmt, wird doch die Primitivität der Gesellschaft in "Kaisertag" noch besser durch die Stellung des Mannes illustriert. Die Zwänge, expliziten und impliziten Ge- und Verbote, unter denen im Kaiserreich überall und zu jeder Zeit gehandelt werden "muß", lassen praktisch eine nicht-traumatisierte Existenz überhaupt nicht zu. Sehr gelungen schildert Oliver Henkel hier eine unfreie Gesellschaft, die durch eben diese Unfreiheit auch kulturell und gesellschaftlich hinter der bundesdeutschen Realität von 2002 zurückgeblieben ist. Das Name Dropping, das der Autor hier mit Genuß zelebriert, unterstreicht dies nur : Loriot ist ein 08/15-Soldat, Willy Brandt ein ebensolcher 08/15-Lokalpolitiker. Und dies sind nur zwei Beispiele aus einer längeren Liste. Viel Spaß beim Selberentdecken. :-)

Insgesamt ein lesenswertes Werk auf dem qualitativen Niveau von "Der 21. Juli". Beides Alternate Histories, beides politische Bücher, die man unbedingt gelesen haben sollte.

Samstag, 18. Februar 2017

Oliver Henkel : Die Zeitmaschine Karls des Großen



Oliver Henkel : Die Zeitmaschine Karls des Großen
Atlantis 2013
Neuausgabe
Originalausgabe BoD 2001
Hardcover mit Lesebändchen, ca. 464 Seiten, 19,90 €
Titelbild : Timo Kümmel
auch als Paperback und eBook erhältlich


Das Weströmische Reich hat schwere Zeiten überstehen müssen. Nur knapp konnte das angeschlagene Imperium im Jahre 476 der endgültigen Vernichtung entrinnen. Doch Rufus Scorpio rettete es vor der zerstörerischen Gier des Heerführers Odoaker, erlangte selber den Kaiserpurpur und übernahm die schwere Aufgabe, Westrom durch die Stürme einer aus den Fugen geratenen Welt zu lenken.

Über dreihundert Jahre sind seitdem vergangen. Unter dem Kaiserhaus der Scorpii fand das Imperium wieder zu Stabilität und innerem Frieden, und dank der Hilfe des Oströmischen Reiches konnte ein Großteil der verlorenen Provinzen zurückgewonnen werden. Jetzt, im Jahre 796, sieht es ganz so aus, als würde Westrom für alle Zeiten Bestand haben. Doch die dem Anschein nach sorgenfreie Ruhe könnte trügerisch sein. Karl, der König der Franken, verhält sich seit geraumer Zeit sehr beunruhigend, und niemand kennt den Grund dafür. Sollte das Frankenreich zu einer Gefahr für Rom werden?

Um das in Erfahrung zu bringen, wird der Ostgote Andreas Sigurdius als Spion in das Reich im Norden geschickt ...
Klappentext

Manchmal erwischt mich ein Roman auf dem falschen Fuß. Dann lese ich mich fest, komme nicht weiter, habe keinen Spaß an der Lektüre. Obwohl ich weiss (oder zu wissen glaube), daß die Geschichte gut ist. Dann hilft nur eins, Buch beiseite packen und bei Gelegenheit, wenn mir danach ist, wieder hervorholen.

Genau das habe ich auch mit den Henkel-Neuausgaben bei Atlantis gemacht. Keine Ahnung, was mich bei der ersten Lektüre an der "Zeitmaschine" gestört hat, diesmal habe ich sie auf einen Rutsch durchgelesen. (Genau genommen : Mir ist schon aufgefallen, was mich irritierte, allerdings erst bei der Lektüre von "Kaisertag".)

Oliver Henkel ist ein SF-prominenter Alternate History-Autor, sein "Leviathan", in dem Carolina auch zu Beginn der Industrialisierung noch zum deutschen Staatsgebiet gehört, wurde für den DSFP nominiert, "Zeitmaschine" und "Kaisertag" haben ihn auch gewonnen.

Der Roman ist ganz witzig, der scheinbare Jonbar-Punkt wird direkt in der Einführung dem Leser vorgestellt. Dann geht es Jahrhunderte in die Zukunft, in der Karl der Große einem immer noch existierenden und prosperierendem Römischen Imperium gegenübersteht. Der Rest ist eine ziemliche Räuberpistole, in dem Römer, Franken, Zeitreisende aus einer jetzt nicht mehr möglichen Zukunft und der Vesuv wichtige Rollen spielen.

Ich empfand den Roman zwar als nett und gut geschrieben, aber im Bereich der Alternate History und auch im Genre der reinen Geschichtsromane ohne phantastischen Anteil habe ich da schon Besseres gelesen, diverses hier im Blog auch bereits kommentiert. Das Besondere, das viele Romane der Alternate History aus dem phantastischem Durchschnitt hervorhebt, fehlt mir hier. Von daher durchaus empfehlenswert (meiner Schwiegermutter, die auf Geschichtsschmöker steht, werde ich den noch mal unterjubeln), aber meiner Meinung nach kein unbedingtes Muß. Das bleibt einem anderem Roman von Oliver Henkel vorbehalten...

Freitag, 17. Februar 2017

Stefan Burban : Die Spitze des Speers



Stefan Burban : Die Spitze des Speers
Ruul-Konflikt 10
Atlantis 2016
Originalausgabe
Hardcover mit Lesebändchen, ca. 340 Seiten, 14,90 €
Titelbild : Allan J. Stark
auch als Paperback und eBook erhältlich



Die Schlacht um Serena ist beendet. Beide Seiten haben große Verluste erlitten und sind noch dabei, ihre Wunden zu lecken, als das Terranische Konglomerat in seinen Grundfesten erschüttert wird.

An der Besatzung eines Horchpostens nahe der RIZ wird ein Massaker verübt. Doch offenbar sind nicht die Ruul die Drahtzieher hinter dem Angriff. Alles deutet auf eine Verwicklung der ROCKETS in das Blutbad.

Plötzlich stehen alle Mitglieder der Spezialeinheit unter Generalverdacht. War es lediglich die Tat weniger Abtrünniger? Oder steckt eine großangelegte Verschwörung dahinter?

Fragen, die geklärt werden müssen, bevor man eine Fortführung des Krieges gegen die Ruul ins Auge fassen kann. Rachel Kepshaw von der Abteilung für Innere Sicherheit des MAD nimmt sich der Aufgabe an, die Schuldigen ausfindig zu machen. Doch ihr läuft die Zeit davon. Die Hintermänner des Angriffs verfolgen nämlich ehrgeizige Pläne – und der Countdown für ihren nächsten Schlag ist bereits angelaufen …
Klappentext

Ein sehr schöner Roman, stark geschrieben, mit einem wie ich finde hochaktuellem Thema.

Dabei ist "Die Spitze des Speers" fast ein Standardplot : Militärs versuchen zu putschen, von unseren Helden wird dies verhindert. Stefan Burban lässt den Leser hier auf alte Bekannte aus früheren Romanen treffen, meinem Eindruck nach konsolidiert er die Geschichten. Das hat natürlich den Effekt, daß sich der Altleser, der die früheren Romane des Ruul-Zyklus kennt, von Anfang an in der Geschichte wohl fühlt.

Interessant ist hier die Motivation der Putschisten. Es geht ihnen weniger um Macht und persönliche Vorteile, sie halten nur die Vorgehensweise der aktuellen terranischen Regierung für falsch. Die militärischen Oberbefehlshaber der Putschisten aber auch untere Dienstgrade sind überzeugt, den richtigen Weg zu gehen – auch über Leichen, wenn es sein muß. Das ist eine Denkungsart, die sich in der aktuellen deutschen, europäischen als auch amerikanischen Politik als Ultima Ratio linker Gruppierungen herauskristallisiert hat. So neu ist diese Ideologie zwar nicht, man denke nur an das stalinistische Rußland oder die DDR, doch seit einigen Jahren hat diese Denke auch im Westen deutlich Fuß gefasst. Stefan Burban zeigt in "Die Spitze des Speers" deutlich und klar auf, wie falsch und zerstörerisch diese Sichtweise ist. Denn selbst wenn die Putschisten die Macht ergriffen hätten, wären die Opfer im Militär als auch in der Zivilbevölkerung doch derart hoch gewesen, daß der Zweck effektiv konterkariert worden wäre.

Wie gesagt, ein schönes Buch mit einem modernem Bezug. Für mich einer der besten Romane im letzten Jahr, deshalb werde ich ihn aller Voraussicht nach für den DSFP nominieren.


Wasserstand

Ja, ok, ich habe den Blog hier etwas vernachlässigt. Nicht, daß ich nicht gelesen hätte, im Gegenteil. Aber ich kam irgendwie nicht zum Posten und wurde durch meine Briefmarkensammlung doch etwas sehr stark abgelenkt. Aber Alt-Estland ist jetzt durch, für die Moderne muß ich noch ein bißchen was vorbereiten und außerdem sitzen mir meine Kollegen vom DSFP im Nacken. Nächstes Wochenende ist Nominierung, da muß ich noch ein bißchen was lesen und mir - viel wichtiger - auch eine Meinung bilden, was ich denn nun für eine Nominierung vorschlagen werden. Nicht einfach, gab 'ne Menge herausragender SF-Romane letztes Jahr. Aber witzigerweise habe ich schon den ersten für meine Nominierung im nächsten Jahr auf dem Zettel, ein Roman in der Tradition der LeGuin von AHK. (Mehr demnächst. :-) )

Womit fange ich an ? Am besten damit, womit ich auch vor ein paar Tagen aufgehört habe, mit Stefan Burbans Ruul-Romanen. Und dann diverse alte, diverse neue, diverse ganz andere Romane.

Freitag, 27. Januar 2017

Stefan Burban : Sturm auf Serena



Stefan Burban : Sturm auf Serena
Ruul 09
Originalausgabe
Atlantis 2015
Hardcover mit Lesebändchen, ca. 360 Seiten, 14,90 €
Titelbild : Allan J. Stark
auch als Paperback und eBook erhältlich


Das strategisch wichtige Serena-System wird seit Monaten hart umkämpft. Tagtäglich sterben Tausende von Soldaten nur für einige wenige Kilometer Geländegewinne. Eine Großoffensive, an der alle Völker der Koalition beteiligt sind, soll endlich die dringend benötigte Wende auf diesem Kriegsschauplatz bringen. Ein Sieg auf Serena ist unumgänglich, falls die Menschen und ihre Verbündeten den Krieg noch gewinnen wollen. Doch verschiedene Parteien auf Serena nutzen die Kriegswirren, um ihre eigenen Pläne voranzutreiben. Und an vorderster Front in diesem Kampf steht das 171. Infanterieregiment - die Wölfe Alacantors...
Klappentext

Wie gesagt, ich muß mal mit den Ruul aufholen. Diese Romane sind - das kann man hier beim neunten Band wohlfundiert behaupten - gute deutsche Military SF. Im Gegensatz zu anderen Auswüchsen in diesem Genre bleibt Stefan Burban in seinen Schilderungen auf der freiheitlichen Seite des Subgenres und somit in der Tradition von Karl-Herbert Scheer, Stichwort "wehrhafte Demokratie".

Das zeigt sich auch hier im Roman, bei den Bodenkämpfen auf Serena. Die menschlichen Soldaten sind nicht gesichtslos, der Feind ein Gegner, kein Unter"mensch". Die Soldaten keine simplen Befehlsempfänger, die Offiziere zwar ergebnisorientiert, aber um ihre Leute bemüht. Diese Sichtweise zieht sich durch den gesamten Ruul-Zyklus, ohne daß dadurch die eigentliche Action verwässert wird. Das allein macht das Lesen der Romane schon angenehm.

Wobei der Autor immer stärker das Meme "homo homini lupus" in den Vordergrund stellt. Bereits früher beschrieb er menschliche Terroristen, die sich am Ruul-Krieg eine goldene Nase verdienen wollen und ihr eigenes Süppchen kochten. Hier stellt er die Karriere-Offiziere der Flotte in den Vordergrund, von denen einige nur durch Beziehungen überhaupt ihren Rang erhalten haben. Deren Aktionen werden vielleicht etwas sehr plakativ und vorhersehbar geschildert, sind aber in sich konsistent und (dies ist ein Vorgriff auf den nächsten Band) durchaus folgerichtig. Aber auf jeden Fall spannend geschildert, hat Spaß gemacht, die Entwicklung zu lesen.

Sehr angenehm fand ich auch, daß die Protagonisten der vorherigen Bände (ab ?) hier wieder aufgegriffen werden und mehr oder weniger wichtige Rollen spielen. Das rundet den Zyklus angenehm ab. Insgesamt also wieder einmal ein angenehm lesbarer Roman aus dem Ruul-Universum, an dem man insbesondere als KHS/ZBV-Fan nicht vorbeigehen sollte.

Donnerstag, 26. Januar 2017

Jo Koren : Vektor



Jo Koren : Vektor
Atlantis 2016
Originalausgabe
Hardcover mit Lesebändchen, ca. 190 Seiten, 14,90 €
Titelbild : Mark Freiera
auch als Paperback und eBook erhältlich


Alpha Novak ist Ärztin für invasive Kybernetik. Nachdem sie ihre Zulassung auf der Erde verloren hat, flickt sie nun, auf der Raumstation Eris TKS, Prothesen und Implantate von Arbeitern aus dem Asteroidenbergbau zusammen. Zur Seite steht ihr der Bonobo Kit, der dank seines Hirnimplantats mit Menschen kommunizieren kann.

Eines Tages begegnet ihr ein Patient mit einer eigentümlichen Fehlfunktion von Herzschrittmacher und Gehirnimplantat. Der Grund dafür: das erste Computervirus, das menschliche Implantate befällt. Dr. Novak versucht zunächst vergeblich, den Leiter der Raumstationsklinik von der Existenz des Virus zu überzeugen. Erst als ein Pfleger der Klinik infiziert wird, sieht der leitende Arzt Handlungsbedarf und fährt das Computersystem der Klinik herunter.

Etwa zur gleichen Zeit gibt es einen plötzlichen Anstieg der künstlichen Schwerkraft der Raumstation. Wenig später wird der Chefingenieur tot aufgefunden. Novak findet in der Zwischenzeit heraus, dass außer dem Ursprungspatienten weitere Personen ein Risiko tragen, durch das mittlerweile deaktivierte Computersystem infiziert worden zu sein: unter anderem sie selbst …
Klappentext

Überraschend gut. Ich meine "sehr gut", tatsächlich nur einen Bruchteil vor meiner Nominierungsgrenze für den DSFP. Jo Koren schildert interessant eine dystopische Welt, indem sie von den jetzigen Gegebenheiten ausgeht und diese nur einen Bruchteil in die Zukunft extrapoliert. Es ist noch (fast) alles so wie heute, die Konzerne und leicht absurde Justizbehörden haben das Sagen und der normale Arbeiter wird verarscht und ausgebeutet. Dies schildert die Autorin ohne Jammern, als Realität, der man nicht entkommen kann.

Auch das Auftreten des Virus stellt Jo Koren unprätentiös dar, die Reaktionen der Menschen und Bürokraten darauf sind realistisch und elegant beschrieben. Dabei schildert sie in Rückblenden das Leben auf der Erde und die dort existierende Gesellschaft. In detaillierten, aber nicht übertriebenen Beschreibungen stellt sie sozusagen en passant das Leben im All und auf der Raumstation dar. Insgesamt sehr schön und unbedingt empfehlenswert, allerdings ist das Ende etwas blaß. Mir fehlte da der Knalleffekt, die Epiphanie, der Ausblick auf das weitere Leben von Alpha Novak. Das ist der einzige Wermutstropfen am Roman, der ansonsten wirklich gelungen ist.

Mittwoch, 25. Januar 2017

Peter Hohmann : Die schwarze Klaue



Peter Hohmann : Die schwarze Klaue
Die Eherne Garde 01
Atlantis 2016
Originalausgabe
Hardcover mit Lesebändchen, ca. 290 Seiten, 14,90 €
Titelbild : Mark Freier
auch als Paperback und eBook erhältlich


Dämonen breiten sich aus in den Landen der Menschen, einer Seuche gleich, die alles verschlingt. Avi, die Hüterin, gesegnet mit der Gabe, diese aufzuspüren, wird unversehens von der Jägerin zur Gejagten. Auf ihrer Flucht trifft sie auf Lormak, den Gezeichneten, der Mensch und Dämon in sich vereint. Zusammen mit ihren Gefährten machen sie sich auf, der Bedrohung Einhalt zu gebieten. Doch nicht nur von außen droht Gefahr, denn je länger Lormak in Avis Nähe weilt, desto stärker regt sich der Dämon in ihm...
Klappentext

Wie man am Klappentext schon deutlich merkt : Die Fantasy neu erfunden hat Peter Hohmann nicht. Die Figuren sind doch sehr klassischer Fantasy-Standard, auch das Szenario ist nicht wirklich innovativ. In solchen Fällen hängt die Qualität eines Romans einzig und alleine am Erzähltalent des Autors, nur damit kann er einen derartigen Fantasy-Standard noch interessant machen.

Und das gelingt Peter Hohmann unproblematisch. Die Figuren - wenngleich archetypische Fantasy-Protagonisten - werden von ihm einfühlsam geschildert, sie haben eine gewisse Tiefe und sprechen den Leser an. Die Geschichte wird ohne Längen erzählt, der Plot ist recht intelligent dargestellt. Ich habe mich zu keinem Zeitpunkt gelangweilt, was bei meinem Fantasy-Background an bereits gelesenen Romanen doch schon einiges heißen will. Das liegt sicher auch daran, daß der Autor die einzelnen Szenen sehr modern beschreibt, ohne die Klassik aus den Augen zu verlieren.

Insgesamt ein gelungener Auftakt einer archetypischen Fantasy-Trilogie, die ich nur weiterempfehlen kann.

Dienstag, 24. Januar 2017

James Corey : Nemesis-Spiele



James Corey : Nemesis-Spiele (Nemesis Games)
The Expanse 05
HEYNE 2016
Deutsche Erstausgabe
Originalausgabe Orbit 2015
Paperback, 608 Seiten, 14,99 €
Titelbild : Daniel Dociu
Aus dem Amerikanischen von Jürgen Langowski


Die Zukunft: Die Menschheit hat das Sonnensystem besiedelt. Nachdem sich durch Alien-Technologie ein interstellares Portal geöffnet hat, stehen die Machtverhältnisse jedoch Kopf: Die Raummarine vom Mars verliert an Bedeutung, die Bewohner des Asteroidengürtels lehnen sich gegen die Konzerne und Regierungen der inneren Planeten auf – und dann verwandelt eine Serie von verheerenden Terroranschlägen die Erde in ein rauchendes Trümmerfeld.

Das Portal hat den Weg zu Tausenden von unbewohnten Welten geöffnet. Ein wahrer Massenexodus beginnt, und ein Kolonistenschiff nach dem anderen bricht auf, um diese Planeten zu besiedeln. Damit verlieren die bisherigen Machtpole im Sonnensystem stark an Einfluss – die Erde ist nicht länger der einzige Planet mit bewohnbarer Oberfläche, die Marsbewohner fliehen in Scharen, während dessen Raummarine sich mehr oder weniger in Auflösung befindet, und die Bergarbeiter und Siedler im äußeren Asteroidengürtel befürchten nun, die Grundlage ihrer Existenz zu verlieren: den Abbau wichtiger Rohstoffe für die Konzerne des Sonnensystems.

Schon sind die ersten Transporte von den neuen Welten unterwegs zurück zur Erde, randvoll mit Gütern, die in der Schwerkraftumgebung der Planeten besser und billiger abgebaut werden können. Kaum ist die Rosinante mit Kapitän James Holden und seiner Crew zurück von Ilus, der ersten neubesiedelten Welt, werden sie auch schon mitten in den Konflikt hineingeworfen.

Doch dann wird die Erde das Opfer des grausigsten Terroranschlags in der Geschichte der Menschheit. Millionen Menschen sterben, und nichts im Sonnensystem wird jemals wieder so sein, wie es war. Was Holden jedoch nicht ahnt: ein Mitglied seiner Crew hat eine ganz besondere, persönliche Verbindung zu den Urhebern der Katastrophe, und diese Verbindung erweist sich als tödliche Falle ...
Klappentext

Ein Jahr nach dem Angriff auf Callisto, fast drei Jahre nach dem Aufbruch mit seiner Crew nach Ilus und etwa sechs Tage nach ihrer Rückkehr schwebte James Holden neben seinem Schiff und sah dem Abbruchteam dabei zu, wie es die Rosinante zerlegte. Acht straff gespannte Kabel verankerten das Schiff an den Wänden des Liegeplatzes. Es war nur einer unter vielen im Reparaturdock der Tycho-Station, und diese Abteilung war nur eine unter vielen in derriesigen Konstruktionsanlage. In der kilometergroßen Kugel waren gleichzeitig noch tausend andere Projekte im Gange, aber Holden hatte nur Augen für sein Schiff.
Leseprobe

And so it begins...

Und weil die "Rosinante" eben schwer repariert werden muß, trennen sich die Besatzungsmitglieder und machen eine Art Urlaub - irgendwie. Der harmloseste ist dabei Kamal, der erstens merkt, daß es kein Zurück in seine vergangenen Beziehungen gibt und zweitens Bobby Draper als neues Mannschaftsmitglied anheuert. Der Zweitharmloseste ist Amos, der auf der Erde nach einer alten Freundin sieht, einen alten Kumpel wiedertrifft (hey, diejenigen, die das Buch schon gelesen haben, halten sich jetzt zurück) und Peaches als neues Mannschaftsmitglied aufreisst. Ääääh, Peaches !!! Also Clarissa "Claire" Melpomene Mao, die vor Kurzem die "Rosinante" inklusive Besatzung in ihre subatomaren Bestandteile zerlegen wollte. Und, wie gesagt, das beides sind die harmlosesten Handlungsstränge.

Denn dieser Roman ist ganz große Science Fiction, einer der besten der letzten Jahrzehnte. Die Autoren, Daniel Abraham and Ty Franck - alias James S. A. Corey - schreiben sich hier von einem Höhepunkt zum nächsten. Dabei geht es zwar auch, aber nicht nur um Action. Denn diese ist notwendig, aber nicht der eigentliche Grund für meine Faszination. Denn eigentlich geht es um die Ewiggestrigen, die neue Chancen nicht sehen und - notfalls auch mit Gewalt - ihren Status quo beibehalten wollen. Dies stellen die Autoren sehr gelungen anhand der Terroristen dar. Diese sind nicht nur Ewiggestrige, sondern auch geistig unzurechnungsfähig. Man kann ohne zu übertreiben sagen, daß diese Leute in einem anderen Universum als der Rest der Menschheit leben und denken. Das wird deutlich an der Interaktion von Naomi, die durch einen fingierten Hilferuf von Holden und der "Rosinante" weggelockt wird. Ihre Entführer sind ihr Sohn Filip und ihr Ex-Lover Marco, die sie bei sich haben wollten, damit Naomi den terroristischen Attacken dieser beiden Spinner Beifall spenden kann. Die Dialoge, die sich hier ergeben, zeigen deutlich und klar die Irrationalität solcher terroristischer Aktionen auf. Der Standpunkt, der hier ebenso klar und deutlich von den beiden Autoren bezogen wird, gefällt mir.

Aber auch das ist nicht der Punkt, der mir am Besten an diesem Band der Expanse-Serie gefallen hat. Am meisten begeistert hat mich die Darstellung des gereiften James Holden. Er muß einige Überraschungen wegstecken, einige "Kröten schlucken" und wird dabei mehr und mehr zu einem echten Helden. Im Roman machen die Autoren deutlich, wo die Grenze für jemanden wie James Holden sein muß, bevor er sich selbst verliert. Und so wird die Figur des James Holden mehr und mehr zum legitimen Nachfolger des Duke. Ja, James Holden ist John Wayne, in all seiner Ehrlichkeit, seiner Hingabe an das Gute, seinem Kampf für die Gerechtigkeit. James Holden repräsentiert die uramerikanischen Werte : Ethische, rechtliche, religiöse, politische, zivilisatorische und patriotische. Und dies im positivsten Sinn des 21. Jahrhunderts, nicht mit der Selbstjustiz-Attitüde des klassischen Westerns, sondern eher mit der modernen Stärkung der bürgerlichen Gesellschaft und dem Unterstützen legitimer gesellschaftlicher Strukturen. So werden die Terroristen eben nicht einfach so vom Himmel geblasen, sondern James Holden unterstützt den politischen Prozeß zwischen den Gürtlern, Mars und der Erde, indem er Fred Johnson zum politischen Gipfeltreffen befördert.

Das ist natürlich stark vereinfacht und meine ganz persönliche subjektive Sicht der Dinge. Viele Leute dürften (und werden) mir da widersprechen, auf Details hinweisen - und das große Ganze aus den Augen verlieren. Aber egal, es war mir ein Bedürfnis, diese meine Sicht der Dinge einmal explizit darzustellen. Für mich war dieser Roman der bisherige Höhepunkt der Expanse-Reihe und ich bin schon gespannt auf die Verfilmung. Um so mehr, als man am Anfang irritiert und dann auf eine falsche Fährte gelockt wird. Denn das dicke Ende kommt zum Schluß, als eigentlich alles Friede, Freude, Eierkuchen ist. Von daher : LESEN !

Montag, 23. Januar 2017

James Corey : Cibola brennt



James Corey : Cibola brennt (Cibola Burn)
The Expanse 04
HEYNE 2015
Deutsche Erstausgabe
Originalausgabe Orbit 2014
Paperback, 656 Seiten, 14,99 €
Titelbild : ???
Aus dem Amerikanischen von Jürgen Langowski


Die Zukunft: Ein interstellares Portal hat sich geöffnet. Angespornt von den ungeahnten Möglichkeiten, die sich damit bieten, bricht die Menschheit zu den Sternen auf und besiedelt fremde Welten. Welten mit fremdartiger Flora und Fauna, die es zu entdecken gilt – und deren Ressourcen auf jene warten, die schnell genug dort sind. Oder skrupellos genug.

Ein wahrer Exodus zu den Tausenden von unentdeckten Planeten beginnt, und eine Siedlerwelle nach der anderen verlässt unser Sonnensystem. Ilus ist der erste neue Planet, der mit Blut und Feuer erkämpft wird, denn mit dem Treck zu den Sternen ziehen auch Megakonzerne wie Royal Charter Energy mit, die sich die Schätze der neuen Welten unter den Nagel reißen wollen. Die unabhängigen Siedler auf Ilus sind eigentlich chancenlos gegen die Feuerkraft und Skrupellosigkeit des konzerneigenen Kolonieschiffs. Aber die Siedler sind nicht bereit, ihre Welt kampflos aufzugeben, und so bildet sich eine geheime Widerstandsgruppe. Der Plan lautet: die Landeplattform des Konzern-Shuttles in die Luft sprengen. Ein Plan, der entsetzlich schief geht, als die Explosion auch das Shuttle trifft und Menschen sterben. Ein blutiger Kampf um den Planeten scheint unvermeidlich, und so werden Kapitän James Holden und seine Crew entsandt, um zu vermitteln und das Schlimmste zu verhindern.

Aber schon bald beschleicht Holden der Verdacht, dass seine Mission von Anfang an zum Scheitern bestimmt war. Je länger er auf Ilus aushält, umso deutlicher wird ihm und den Wissenschaftlern, dass diese Welt längst nicht so unbewohnt war, wie es den Anschein hatte. Und während der Konflikt zwischen Siedlern und Konzernsicherheitskräften eskaliert, erwachen uralte Artefakte einer vergangenen Zivilisation auf Ilus zum Leben. Einer Zivilisation, ausgelöscht von einem unvorstellbar mächtigen Gegner – der ebenfalls wieder erwacht ...
Klappentext

Es geht nicht mehr spoilerfrei, wer sich also die Spannung erhalten möchte, sollte diesen Kommentar hier NICHT lesen.

Zwei Jahre nach den Ereignissen von Abaddons Tor. Das Portal funktioniert und die Menschheit ist begierig darauf, sich im unbekannten Universum auszubreiten. Oftmals ungeregelt, ohne die Genehmigung einer Behörde. So etwa die Überlebenden der Schlacht auf Ganymed. Sie huschen durch das Portal und siedeln auf Ilus. Oder New Terra, wie der Planet im Bürokratenjargon der Erde genannt wird. Und diese Bürokraten haben den Planeten an einen Konzern verkauft, der Konflikt ist sozusagen vorprogrammiert.

Nach drei Bänden, die sich mit der Problematik der Alien-Sporen beschäftigten, gehen die Autoren jetzt detaillierter auf die menschliche Gesellschaft ein. Tatsächlich ist "Cibola brennt" eine deutliche Streitschrift gegen den Rassismus, der zwischen Terranern, Marsianern und Gürtlern als Sinnbilder der heutigen Gesellschaft gepflegt wird. Dabei wird keine Seite wirklich positiv geschildert. Die Gürtler mit ihrem Dünkel gegenüber Bewohnern der Schwerkraftsenken werden ebenso kritisch betrachtet wie die technologische Arroganz der Erdbewohner. Die Autoren zeigen das an beispielhaft an Romanfiguren und lassen die Ereignisse für sich sprechen, tatsächlich wird dieser Rassismus an keiner Stelle des Romans explizit angesprochen. Die sagenhafte goldene Stadt Cibola, auf der alle nach der Suche sind, brennt eben.

Sehr schön fand ich auch, daß in diesem Band frühere Figuren wieder aufgenommen werden. Beispielsweise Basia Merton, einer der Väter, dessen Sohn Katoa zu Beginn von Calibans Krieg entführt wurde - und der sich damals nicht auf die Suche nach ihm gemacht hat. Oder Dimitri Havelock, der Partner von Miller in Leviathan erwacht. Das gab mir das Gefühl, in einem heimischen Universum zu sein, man erinnerte sich sofort an die Ereignisse früherer Bände.

Ganz besonders gilt das natürlich für die Crew der "Rosinante", die hier als Mediatoren eingesetzt werden und den Konflikt zwischen den Siedlern und dem Konzern beilegen sollen. Was von beiden Seiten kräftig hintertrieben wird. Aber besonders bemerkenswert an dieser Crew ist ihre Weiterentwicklung als Personen. James Holden ist deutlich weniger blauäugig, Amos Burton deutlich sozialisierter. Im nächsten Band wird dies dann noch viel signifikanter dargestellt, aber auch hier sind schon deutliche Ansätze zu erkennen. Wie man auch insgesamt "Cibola Burn" als Petri-Schale für "Nemesis Games" betrachten kann.

Dies gilt auch und insbesondere für die Aliens und ihre Technologie, die in beiden Bänden sehr starke Rollen spielen. Hier wird durch die Kämpfe eine uralte KI wieder aktiviert, die nur mit Millers Hilfe wieder beruhigt werden kann. Und man erfährt, daß die Aliens, die diese Technologie hinterlassen haben, von einer wesentlich stärkeren Bedrohung entweder ausgelöscht wurden oder geflüchtet sind. Das lässt für die nächsten Bände Interessantes erwarten - und ich kann schon vorwegnehmen, daß man nicht enttäuscht wird... Irgendwie jedenfalls. :-)

Insgesamt gesehen steigert sich die Serie noch weiter. Neben einer einfachen Action-Geschichte bringen die Autoren immer mehr Social Fiction einer auf der heutigen Zeit beruhenden möglichen Zukunft ein. Das hebt die Romane aus der einfachen Space Opera heraus und lässt sie zu zeitgenössischen Romanen werden, um die man eigentlich nicht herumkommt. Das aber wird im nächsten Band noch deutlicher.

Donnerstag, 12. Januar 2017

James Corey : Abaddons Tor



James Corey : Abaddons Tor (Abaddon's Gate)
The Expanse 03
HEYNE 2014
Deutsche Erstausgabe
Originalausgabe Orbit 2013
Paperback, 624 Seiten, 14,99 €
Titelbild : ???
Aus dem Amerikanischen von Jürgen Langowski


Die Zukunft: Die Menschheit ist ins Weltall aufgebrochen und hat auf den Planeten Kolonien errichtet. Über Generationen hinweg wurde auf den über das ganze Sonnensystem verteilten Raumstationen ein friedliches Leben geführt – bis jetzt. Aber ist die Menschheit bereit für das, was draußen im All auf sie wartet?

Ein offenbar außerirdisches Protomolekül hat die Bevölkerung der Venus in Windeseile ausgelöscht und entwickelt sich nun rasant fort, mit katastrophalen Folgen. Uranus wird als Nächstes angegriffen, und dort entdecken die Menschen schließlich ein unheimliches Portal. Ein Portal, welches in eine sternenlose Dunkelheit führt. Um diesem unbekannten Objekt auf die Spur zu kommen, wird ein gerade am anderen Ende des Sonnensystems befindliches Raumschiff zur Hilfe gerufen. Captain Jim Holden und seine Crew werden mit dem Auftrag betraut, das fremdartige Artefakt zu untersuchen. Doch was sie nicht wissen: Hinter ihrem Rücken ist eine Verschwörung im Gange, mit dem Ziel, Holden mundtot zu machen und endgültig zu vernichten.

Während die Abgesandten der Erde versuchen herauszufinden, ob das Portal der Menschheit neue Möglichkeiten bietet oder ob die Gefahren überwiegen, bahnt sich das größte Verhängnis mitten unter ihnen bereits seinen Lauf ...
Klappentext

Fünfzehn Sekunden. Er würde es schaffen. Nun begann er mit der Sendung und schaltete die Außenkamera zu. Irgendwo da draußen war der Ring. Der tausend Kilometer große Kreis war noch zu klein und dunkel, um für das bloße Auge sichtbar zu sein.

»Nicht schießen!«, rief er der marsianischen Fregatte zu. »Nicht schießen!«

Noch drei Sekunden.

Die Torpedos schlossen rasch auf.

Dann verschwanden alle Sterne.

Néo tippte auf den Monitor. Nichts. Das Freund-Feind-Signal zeigte nichts an. Keine Fregatte, keine Torpedos. Absolut nichts. »Das ist aber komisch«, sagte er zu niemand im Besonderen. Auf dem Monitor war ein blaues Glühen zu sehen. Er beugte sich vor, als könnte er es verstehen, wenn er dem Bildschirm ein paar Zentimeter näher war. Die Sensoren, die vor hoher G-Belastung warnten, brauchten eine Fünfhundertstelsekunde, um anzusprechen. Der fest verdrahtete Alarm brauchte noch einmal eine Dreihundertstelsekunde, um anzuschlagen und die rote LED und das Notsignal mit Strom zu versorgen. Die kleine Meldung auf der Konsole, die vor einer Bremskraft von neunundneunzig G warnte, brauchte eine unglaublich lange halbe Sekunde, um die Leuchtdiode zu aktivieren. Zu diesem Zeitpunkt war Néo bereits ein roter Schmierfilm im Cockpit. Der Bremsschub des Schiffs hatte ihn schneller, als eine Synapse für die Aktivierung brauchte, durch den Bildschirm an die gegenüberliegende Wand geschleudert. Fünf endlose Sekunden lang knarrte und stöhnte das Schiff, das nicht anhielt, sondern angehalten wurde. In der endlosen Dunkelheit sandte die externe Hochgeschwindigkeitskamera tausend Bilder pro Sekunde aus und zeigte nichts.

Dann tauchte etwas auf.
Leseprobe

SPOILERWARNUNG !

Ist ja eigentlich unnötig, aber trotzdem möchte ich hier ein bißchen vor den unvermeidlichen Spoilern warnen. Ich habe mich ja bemüht, die ersten beiden Bände so spoilerfrei wie möglich zu kommentieren, aber hier geht das nun wirklich nicht mehr.

Denn erstens haben die Alien-Sporen ein Gate gebaut. Hier bekommt der Serien-Name "The Expanse" plötzlich eine galaktische Bedeutung. Cool. Weniger cool ist allerdings, daß sich hinter dem Gate noch so eine Alien-Automatik befindet, die alles auf Null abbremst. Siehe oben. Nicht so cool.

UND MILLER IST ZURÜCK. Zwar kann er nur von James Holden gesehen werden, aber er ist wieder da. Wobei man sich fragt, ob es wirklich Miller ist. Denn eigentlich ist er ja von den Sporen assimiliert und auf die Venus gebracht worden. Obercool. Insbesondere als der unbefangene Leser diesbezüglich keinerlei Hinweise bekommt, was jetzt eigentlich wirklich Sache ist.

Die Crew der "Rosinante" wächst immer stärker zusammen, die vier Crewmitglieder werden immer differenzierter dargestellt. Natürlich kommen auch viele neue Handlungsträger hinzu, aber der Fokus bleibt doch mehr und mehr auf diesen Vieren. Hat was, kann man nicht anders sagen. Wobei - um hier zukünftige Bücher vorwegzunehmen - nicht jeder der neu eingeführten Protagonisten bleibt nur für diesen Band relevant. Ich sage nur "Peaches"! :-)

Sehr schön ist auch, daß mit diesem Buch eine Zäsur eingeführt wird. Die Bedrohung durch die Protomoleküle ist verschwunden, stattdessen hat man jetzt (fast) die Möglichkeit, (fast) das ganze Universum zu bereisen. Und zu kolonisieren. Das wird doch die ganze Menschheit freuen. Da kann man von den nächsten Bänden eine Migration der Menschheit in das weite Universum erwarten, der Leser dürfte gespannt sein, was die Menschen dort erwartet.
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Ist es wirklich die ganze Menschheit, die sich über die neuen Möglichkeiten freut ? Und sind wirklich alle Protomoleküle aus dem Sonnensystem verschwunden oder hat irgendwo noch eine Probe überlebt ? *grins*


Dienstag, 10. Januar 2017

James Corey : Calibans Krieg



James Corey : Calibans Krieg (Caliban's War)
The Expanse 02
HEYNE 2013
Deutsche Erstausgabe
Originalausgabe Orbit 2012
Paperback, 656 Seiten, 14,99 €
Titelbild : ???
Aus dem Amerikanischen von Jürgen Langowski


Die Menschheit hat die Himmelskörper unseres Sonnensystems besiedelt. Doch der Friede bröckelt, denn die Kolonien begehren gegen die Vorherrschaft der Erde auf, und auf dem Jupitermond Ganymed haben die Kämpfe schon begonnen. Das Schicksal der Menschheit steht auf Messers Schneide ...

Das Sonnensystem ist in Aufruhr. Auf Ganymed muss eine Elitesoldatin mit ansehen, wie ihre Truppe von einem monströsen, übermenschlichen Superkrieger vernichtet wird. Auf der Erde kämpft eine hochrangige Politikerin mit aller Macht gegen den heraufziehenden interplanetarischen Krieg an. Und auf der Venus breitet sich ein fremdartiges Protomolekül aus, das an dem Planeten ungeahnte Veränderungen bewirkt und sich nun auf die anderen Himmelskörper des Sonnensystems zu verbreiten droht. Woher kommt es, und was bedeutet das für die Menschheit?

Währenddessen begibt sich Kapitän James Holden auf eine neue Mission. Von den leeren Weiten des äußeren Sonnensystems bringt er einen Wissenschaftler auf den Jupitermond Ganymed, der dort nach einem vermissten Kind suchen will – doch dass das Schicksal dieses Kindes mit der Zukunft des Sonnensystem und der
Menschheit zusammenhängt, begreift Holden erst, als es schon fast zu spät ist. Ein atemberaubender Wettlauft gegen die Zeit beginnt.
Klappentext


Der Anzug meldete sieben Ziele. Weniger als ein Drittel der Besatzung im UN-Vorposten.
Das ist doch völlig unsinnig.
Sie wies den Anzug an, in fünfhundert Metern Entfernung eine Linie in das Display einzuzeichnen. Ihren Untergebenen erklärte sie nicht, dass dies die Grenze war, von der an sie das Feuer eröffnen sollten. Das war nicht nötig. Ihre Leute würden schießen, sobald sie es selbst tat, ohne nach dem Grund zu fragen.

Die UN-Soldaten waren jetzt weniger als einen Kilometer entfernt, hatten ihrerseits aber noch keinen Schuss abgefeuert. Außerdem liefen sie nicht in Formation. Sechs kamen in einer unordentlichen Reihe vorneweg, der siebte folgte etwa siebzig Meter hinter ihnen. Ihr Helmdisplay wählte den Gegner auf der linken Seite als
Ziel aus, weil er der nächste war. Doch irgendetwas störte sie, und sie überging die automatische Zielauswahl, visierte das hintere Ziel an und vergrößerte es.Die kleine Gestalt wuchs in der Zieloptik heran. Es lief ihr kalt den Rücken hinunter. Sie erhöhte die Vergrößerung abermals.

Die Gestalt hinter den sechs UN-Marinesoldaten trug keinen Schutzanzug. Genau genommen handelte es sich auch nicht um einen Menschen. Die Haut war mit Chitinplatten bedeckt, die an große schwarze Schuppen erinnerten. Der Kopf war entsetzlich. Doppelt so groß wie normal und mit seltsamen Auswüchsen übersät. Das Schlimmste waren die Hände – viel zu groß für diesen Körper und im Vergleich zur Breite zu lang. Es waren Horrorhände aus dem Albtraum eines Kindes. Die Hände eines Trolls unter dem Bett oder die Klauen der Hexe, die durch das Fenster einsteigt. Sie spannten sich manisch, als wollten sie etwas Unsichtbares packen.Die Truppen der Erde griffen nicht an. Sie flohen.

»Schießt auf das Wesen, das sie jagt«, rief Bobbie, obwohl niemand es hören konnte.

Noch bevor die UN-Soldaten die fünfhundert Meter entfernte Feuerlinie erreichten, holte das Wesen sie ein.
»Oh, verdammte Scheiße«, flüsterte Bobbie. »Oh, verdammt.«
Es packte einen UN-Marinesoldaten mit den riesigen Händen und zerfetzte ihn wie ein Stück Papier. Die aus Titanium und Keramik konstruierte Rüstung riss ebenso leicht entzwei wie der Körper, der in ihr steckte. Ausrüstungsteile und feuchte menschliche Eingeweide flogen als wirrer Haufen auf das Eis. Die übrigen fünf Soldaten liefen noch schneller, doch das Ungeheuer wurde, wenn es tötete, nicht einmal merklich langsamer.
»Schießt doch, schießt doch, schießt doch!«, schrie Bobbie, während sie das Feuer eröffnete. Ihre Ausbildung und die Technik ihres Kampfanzugs machten sie zu einer äußerst effizienten Tötungsmaschine. Sobald ihr Finger den Abzug der eingebauten Waffe berührte, jagte mit mehr als tausend Metern pro Sekunde ein Strom von zwei Millimeter großen, panzerbrechenden Geschossen auf das Wesen zu. Weniger als eine Sekunde später hatte sie bereits fünfzig Geschosse abgefeuert. Das Wesen war ein vergleichsweise langsames Ziel von annähernd menschlicher Größe, das zudem geradeaus lief. Der Zielcomputer übernahm die ballistischen Korrekturen und hätte es ihr erlaubt, ein Ziel von der Größe eines Fußballs zu treffen, das sich mit Überschallgeschwindigkeit bewegte. Jede Kugel traf.
Eine Wirkung war nicht zu erkennen.
Die Geschosse schlugen einfach durch
Leseprobe

Der zweite Band ist ja immer so eine Art Bewährungsprobe. Bei vielen Zyklen ist ein deutlicher Qualitäts-Abfall zu bemerken, nur bei gut durchgeplanten Romanserien, bei denen die Autoren sich vorher über den Gesamtablauf detaillierte Gedanken gemacht haben, ist das anders. Meistens sind das dann auch die Zyklen, die man immer wieder liest. Und "The Expanse" scheint sich in diese Stufe einzureihen.

Denn von Langeweile ist bei "Caliban's War" nichts zu bemerken. Und das, obwohl der Grundplot mit dem ersten Band nahezu identisch ist : Ein Wirtschaftskonzern experimentiert mit den außerirdischen Sporen, vollkommen skrupellos gegenüber möglichen Nebenwirkungen. Witzigerweise der gleiche Konzern, der schon die Scheiße im ersten Band angerührt hat, was sehr elegant die These vom irrsinnigen Einzeltäter widerlegt. Gelungenes Szenario !

Und es treten neue Leute auf, die Politik spielt eine viel stärkere Rolle als im ersten Band. Und das, ohne die Überlebenden des ersten Bands zu vernachlässigen. Auch wenn für meinen ganz persönlichen Geschmack die politischen Machinationen etwas naiv dargestellt werden, hat mir die Komplexität der Geschichte sehr gut gefallen. Der Leser wird zusammen mit den Protagonisten so nach und nach an die hinter den Ereignissen ablaufenden eigentlichen Handlungen herangeführt, der Krimi-Aspekt macht einen großen Charme des Ganzen aus.

Independently intelligible but best appreciated after volume one—and with a huge surprise twist in the last sentence.
Kirkus Reviews

Die amerikanischen Kritiker waren durch die Bank weg vom zweiten Teil beeindruckt und ich kann ihnen nur zustimmen. Ein schöner zweiter Band, der die Expanse-Story intelligent weiterführt. Lohnt sich !

Montag, 9. Januar 2017

James Corey : Leviathan erwacht



James Corey : Leviathan erwacht (Leviathan Wakes)
The Expanse 01
HEYNE 2012
Deutsche Erstausgabe
Originalausgabe Orbit 2011
Paperback, 656 Seiten, 14,99 €
Titelbild : ???
Aus dem Amerikanischen von Jürgen Langowski


Im Weltall gibt es kein Gesetz ...

Die Menschheit hat das Sonnensystem kolonisiert. Auf dem Mond, dem Mars, im Asteroidengürtel und noch darüber hinaus gibt es Stationen und werden Rohstoffe abgebaut. Doch die Sterne sind den Menschen bisher verwehrt geblieben. Als der Kapitän eines kleinen Minenschiffs ein havariertes Schiff aufbringt, ahnt er nicht, welch gefährliches Geheimnis er in Händen hält – ein Geheimnis, das die Zukunft der ganzen menschlichen Zivilisation für immer verändern wird.
Klappentext

Nachdem diese Serie in phantastisch! 63 sehr positiv besprochen wurde, hatte meine Frau nix Besseres zu tun, als mir die Romane zum Geburtstag zu schenken. War nett, ich war echt überrascht.

Ebenso überrascht vom Inhalt, denn die Romane sind wirklich gut. Daniel James Abraham und Ty Corey Franck, die sich hinter dem Pseudonym "James Corey" verstecken, haben den Film Noir in den Weltraum verlegt. An mehreren Stellen habe ich Bogart direkt vor mir gesehen, wie er durch den Ceres-Asteroiden irrt. Das ist schon faszinierend und hat etwas von den klassischen SF-Pulps der 30er und 40er. Allerdings deutlich weniger naiv, wesentlich kritischer auch den eigenen Helden gegenüber.

Der erste Band der Expanse-Reihe ist ein typischer Einführungsband. Das Setting und die einzelnen Charaktere werden vorgestellt, die verschiedenen Fraktionen innerhalb des Sonnensystems angedeutet. Dabei gelingt es den Autoren, simple Infodumps zu vermeiden, sie zeigen die Gesellschaften innerhalb des Sonnensystems durch die verschiedenen Aktionen der Protagonisten. Hat mir ausnehmend gut gefallen, ist schon selten, daß man auf eine SF-Welt trifft, die nicht im ersten Augenblick völlig durchschaut wird. Fand ich gut.

Ebenso gut wie die herrliche Charaktersierung von James Holden als ungemein naiv-ehrlichen "Ritter auf dem weißen Ross". Erinnerte mich an klassische Western der Prä-Italo-Ära, als man sich auch manchmal fragte, wie sich ein Held so ausnutzen lassen konnte. Hier wird dies überdeutlich in aller Bitterkeit geschildert, ein gelungener Plot, der am Ende doch noch gut ausgeht. Naja, irgendwie. Aber eigentlich nicht wirklich... Der Böse stirbt auf jeden Fall, klassisch, das ist ok. Aber seine Aktionen haben Konsequenzen, die im nächsten Band (bzw. in den nächsten Bänden) hochkochen.

In jedem Fall ein gelungener Auftakt, ich habe dann nahtlos weitergelesen. Meiner Meinung nach sind die Expanse-Romane zukünftige Klassiker, man sollte sie sich nicht entgehen lassen.